Smartphones – mit dem Finger am Abzug


In Deutschland ist (wieder einmal) eine Mediendiskussion entbrannt, die die Nutzung von Smartphones (=“mobiler Lernbegleiter“) an den Pranger stellt. Und zwar sind laut Arne Ulbricht die  Smartphone-Eltern (siehe Spiegel.de) daran schuld, dass die Kinder Smartphone-süchtig sind, total undiszipliniert in der Schule sitzen und nichts mehr lernen. Es ist ein sehr subjektiv gehaltener Artikel, der auf persönlichen Erfahrungen einer einzigen Lehrperson beruht und aus dieser individuellen Lehrer/SchülerInnen-Beziehung auf die Gesamtheit unserer Gesellschaft schließt.

Mittlerweile sind auch schon Artikel mit Gegendarstellungen wie beispielsweise von Jochen Fuchs „Technikfeinde sind eine Gefahr für unsere Kinder“ erschienen, der das Thema mit einer wissenschaftlichen Analyse der Universität Koblenz-Landau „Mythen der digitalen Demenz“ von Markus Appel und Constanze Schreiner verknüpft um seine Argumentation zu untermauern.

Quelle: Appel, Schreiner; https://www.uni-koblenz-landau.de/de/landau/fb8/ikms/medpsych/appel/2013_appel-schreiner_digitale-demenz.pdf
Quelle: Appel, Schreiner; https://www.uni-koblenz-landau.de/de/landau/fb8/ikms/medpsych/appel/2013_appel-schreiner_digitale-demenz.pdf

Ich möchte aber trotzdem einen ebenfalls eher subjektiv gehaltenen Kommentar dazu abgeben. Noch bevor ich von den „Smartphone-Eltern“ gelesen habe, habe ich mir Gedanken über meine eigene Vorbildwirkung bei meinen Kindern gemacht.

Ich bin definitiv ein Smartphone-Papa. Und ein iPad-Papa. Ich bin nämlich nicht nur Papa, sondern auch Lehrer, eLearning-Koordinator an der Schule und für das Bildungsministerium, Mitarbeiter an der PH Wien für eLearning im berufsbildenden Schulwesen, FH-Lektor und App-Entwickler. Würde ich meinen Kindern die Geräte und ihre unendlichen Möglichkeiten, die ich ständig vor Eltern und Kollegen/innen propagiere, vorenthalten, würde ich mich echt schäbig fühlen. (Nach dem Motto „Wein predigen, Wasser trinken“)

Meine Kinder kennen die Geräte, und sie dürfen sich damit in einem gewissen Rahmen auch auseinandersetzen. Denn ich bin überzeugt davon, dass Geräte an sich nicht schlecht oder böse sind, sondern man über ihren Einsatz reflektieren muss. Genau so funktioniert auch der Einsatz von elektronischen Geräten im Bildungsbereich, insbesondere im Unterricht – Einsatz dort, wo ein Mehrwert gegeben ist.

Aber zu meinem Verhalten zu Hause – ich habe mein Smartphone fast ständig bei mir, und nutze es sehr häufig. Ich hatte deshalb vor ein paar Wochen tatsächlich schon ein schlechtes Gewissen, aber was genau habe ich denn mit dem Handy gemacht? Und was haben stattdessen meine Eltern gemacht? Es hat mich dazu angeregt darüber nachzudenken und anlässlich dieser Diskussion teile ich meine Gedanken:

Für mich Tätigkeit Smartphone Tätigkeit früher
Nachrichten lesen Zeitung lesen
Fotos sichten, sammeln und ggfs zur Entwicklung hochladen, in Album kleben Fotofilme zum Entwickeln bringen, Fotos abholen, Fotos sichten, in Album kleben
e-Mails lesen und beantworten Briefe lesen und beantworten
Instant Messenger Nachrichten austauschen Stundenlang telefonieren
Vor Anschaffungen Preise recherchieren und gezielt bestellen Stundenlang durch Geschäfte latschen, Kinder im Schlepptau, oder Kinder woanders untergebracht
Fotos- und Videos zu Kurzfilmen für Erinnerungen zusammenstellen Stundenlang verschwinden und analoge Videoschnitte machen
Mit Kindern Kindern Bilder von Tieren / Naturereignissen (Vulkane, Planeten etc.) zeigen*), danke Internet ist ALLES verfügbar Exakt das selbe, halt aus einem Buch – wenn ein solches über das fragliche Thema im Haushalt vorhanden war
Auf unsere Medien zugreifen (Videos, Musik, Fotos irgendwo im Haus konsumieren) –> übers Handy kann man bei uns alles auf Fernseher/Stereoanlage oder andere Geräte ausgeben lassen Das selbe, nur mit einer Vielzahl von Geräten und Speichermedien (Kassetten etc.)
Entwicklung der Kinder dokumentieren Das selbe, nur mit Fotoapparat
Wichtige Entwicklungsschritte der Kinder oder nette Erinnerungen über Instant Messenger in der Großfamilie (inkl. Onkeln/Tanten/Großeltern) teilen Nicht möglich

*) Auch wir haben dafür Bücher, aber manchmal ist es einfach toll die Dinge interaktiv zeigen zu können

Die Liste lässt sich wahrscheinlich noch massiv verlängern. Insgesamt finde ich die Unterschiede nicht so groß, nur dass halt das Smartphone als Universalgerät viele Funktionen bündelt und so logischerweise eine zentrale Anlaufstelle für vielfältige Aktivitäten ist. Summa summarum bringt mir das Smartphone mehr Zeit FÜR meine Kinder, weil viele dieser Tätigkeiten schneller machbar sind als früher. Die gewonnene Zeit muss man aber auch bereit sein den Kindern zu widmen. Wer das Smartphone nur nutzt um blöd herumzusitzen und sich die Erziehungsarbeit zu ersparen, macht das auch ohne Smartphone. Ah ja, da waren ja noch die Spiele am Smartphone.

Manchmal nämlich …. da dürfen meine Kinder auch einfach mal 10 Minuten spielen, denn …. es sind Kinder und keine Lernmaschinen.

R.S.

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